"Vom Lügengewebe sollst du dich fernhalten und den Reinen und Frommen nicht vernichten"
Der Sohar

Es ist absolut unmöglich, die Kabbala in ein paar Worten beschreiben zu wollen. Deshalb beschränke ich mich hier auf die Oberfläche und das "Handwerkszeug".

Allgemein

Die Kabbala (Vermächtnis) ist eine jüdische Geheimlehre mit dem kanonischen Buch Sefer haz-Sohar - kurz Sohar. Zu diesem äußerst schwer verständlichen Text kommt die in mündlicher Form überlieferte Kabbala hinzu. "Sekundärliteratur" gibt es relativ viel. Ich persönlich kann [2][5] und [6] empfehlen. Die Kabbala ist im Mittelalter im Verborgenen zur Blüte gelangt.

Sie läßt sich unterteilen in die praktische Kabbala, die Kabbala der Buchstaben, die ungeschriebene Kabbala und die dogmatische Kabbala.

  • Die ungeschriebene Kabbala ist die mündlich überlieferte. Oft ist aber auch der durch kabbalistische Meditation erlangte und nicht durch Worte vermittelbare Teil des persönlichen Wissens gemeint.
  • Die praktische Kabbala ist eine der wichtigsten Säulen abendländischer Magie, oder - um einen etwas weniger nebulös konnotierten Ausdruck zu gebrauchen - angewandter, praktischer Religion.
  • Die dogmatische Kabbala ist der im Sohar niedergeschriebene Teil.
  • Die Kabbala der Buchstaben ist unterteilt in Gematria, Notarikon und Temura.

    • Das Notarikon behandelt Buchstaben-Transformationen, die heutzutage ebenfalls häufig angewandt werden: Wortbildungen aus den Anfangsbuchstaben anderer Worte bzw. Sätzen. Auch der umgekehrte Vorgang ist ein Teil des Notarikon. Ein nicht hebräisches Beispiel: das FIAT LUX, als Anfangsbuchstaben für die vier Elemente Flatus, Ignis, Aqua, Terra.
    • Die Temura behandelt Wortpermutationen mit den Ziel, den Zahlwert oder die Bedeutung der Worte zu verändern.
    • In der Gematria werden Entsprechungen zwischen Worten gesucht und zwar mit Hilfe des Zahlwertes eines Wortes. In der hebräische Sprache entspricht jede Buchstaben-Glyphe einem Zahlwert. Die Thora (AT) ist voll tiefgreifender kabbalistischer Entsprechungen, die viele dunkle Stellen erklären. Wenn man sich näher damit beschäftigt, kann man sogar den Eindruck gewinnen, daß die in der Thora niedergeschriebene Geschichte nebensächlich wäre. Ein Kabbalist kann über den jüngst entdeckten "Bibelcode" in seiner pseudowissenschaftlichen Hybris und seiner Oberflächlichkeit nur lachen - oder weinen.

Im Kabbala Appendix gehe ich auf ein paar Aspekte, vor allem auf die Pfade und die Säulen des Lebensbaumes, etwas näher ein.

Der Baum des Lebens

Zentrale Glyphe der Kabbala ist der Etz Chain, der Baum des Lebens, hier dargestellt mit seinen 32 Pfaden: den zehn Sephiroth (Singular Sephira) und den 22 übrigen (Verbindungs-)Pfaden. Der Baum des Lebens beschreibt zehn Manifestationen der Schöpfung. Sein Ursprung liegt in der Spitze, nach unten hin wird das Kräftespiel der Sephiroth immer dichter, ambivalenter und materieller. In dieser Arbeit beziehe ich mich hauptsächlich auf die Zahlbedeutung der zehn Sephiroth und lasse die meisten anderen Aspekte außer Acht.

Es gibt in der Kabbala die vier kabbalistischen Welten. In jeder Welt hat der Etz Chain andere Attribute, Symbole und Farben. Hier wird immer auf den Etz Chain in Aziluth, der Welt der reinen Vorstellung, Bezug genommen. Die anderen Welten sind Briah, Jetzirah und schließlich Assia, die materielle Welt.

Der kabbalistische Urknall

Über der obersten Sephira befinden sich die drei Schleier "negativer" Existenz. Negative Existenz zu definieren ist unmöglich, denn sobald sie definiert wird, geht sie in Beschaffenheit über. Die drei Schleier heißen Ain, Ain Soph und Ain Soph Aur. Ain läßt sich als Nichts übersetzten; Ain Soph ist das rotierende Nichts und Ain Soph Aur ist entweder das selbstleuchtende oder beleuchtete Nichts. Eine andere Lesart transponiert das Ain als negativ existierendes Prinzip, Ain Soph als grenzenlose Expansion und Ain Soph Aur als grenzenloses Licht. Ain Soph Aur ist das einzig negativ existente Prinzip, von dem der Mensch sich wenigstens eine unklare und schwache Vorstellung machen kann. An diesem Punkt beginnt Ain Soph Aur in Kether überzugehen und Existenz zu werden.

Persönliches

Dies ist ein Versuch, "objektive" wissenschaftliche Erkenntnisse - z.B. aus der Geometrie oder der Algebra - den "subjektiven" Erkenntnissen der Kabbala gegenüberzustellen. Nach langen Jahren der Beschäftigung mit der Kabbala habe ich Zusammenhänge zwischen der Kabbala, anderen Formen abendländischer Magie und der Alchemie entdeckt, die ich nicht begreifen konnte. Zugunsten meines Gleichgewichtes gab ich meine aktive Forschung auf.

Beide Welten, die wissenschaftliche und die kabbalistische, haben mich geistig ernährt, interessiert und stets beschäftigt. Die Zahl und die durch sie gebildeten Formen in der Ebene und im Raum wurde für mich zum neutralen Element, um diese beiden differenzierenden Welten aufeinanderprallen zu lassen. Die Zahl wurde mir zum Bindeglied, deshalb liebe ich die Zahl über alles.

Bemerkungen

Interessant ist der Zusammenhang zwischen den jüngeren Erkenntnissen auf dem Gebiet der Kosmologie und dem in der Kabbala definierten "Urknall". Die Entdeckung, daß es eine Ruheenergie des Vakuums gibt und daß das Vakuum den Raum mit zunehmender Kraft und Beschleunigung sozusagen "hinauszieht" entspricht sehr schön der Entstehung der positiven Existenz aus der negativen Existenz. Beide sind unendlich. Die negative Existenz - das Ain Soph (Aur) ist unendliches Nichts; die positive Existenz ist unendliche Schöpfung, die sich bis in die feinsten Glieder immer wieder ergießt und neu bildet.

Jede Sephira ist ein eigener Baum - nicht die Kraft der Sephiroth definiert dieses Universum, sondern der Bezug zu anderen Sephiroth.

Der Etz Chain - der Baum des Lebens - atmet eine Kraft, die wirklich überwältigend ist. Das ganze in sich geschlossene System der Kabbala ist ein perfektes Universum, dessen man sich bedienen kann, um Klassifikationen vorzunehmen und Erkenntnisse zu gewinnen, die anders einfach nicht möglich sind.