Hermes
Lieber Asciepi, alles, was bewegt wird, wird das nicht in
etwas und von etwas bewegt?
Asclepius
Freilich.
Hermes
Muß nun nicht notwendig dasjenige, in welchem etwas bewegt wird, größer
sein als dasjenige, welches bewegt wird.
Asclepius
Notwendig.
Hermes
So ist das Bewegende denn stärker als das Bewegte?
Asclepius
Ja freilich
stärker.
Hermes
So muß dann dasjenige, in welchem etwas bewegt wird, gegen ein solch
bewegendes Ding eine ganz widerwärtige Natur haben?
Asclepius
Ja
gänzlich.
Hermes
Ist denn nicht die Welt so groß, daß kein größerer Leib als
sie?
Asclepius
Das gesteht
man.
Hermes
Wie auch ganz dicht, weil sie mit vielen andern und großen Leibern oder
vielmehr mit allen Leibern, die da auch sind, angefüllt und gleichsam ein Leib
ist?
Asclepius
Das verhält sich
also.
Hermes
So ist die Welt ein Leib und wird der Leib bewegt?
Asclepius
Freilich.
Hermes
Wie groß muß dann der Platz sein, in welchem dieselbe bewegt wird, und wie
groß die Natur? Muß dieselbe nicht größer sein, auf daß sie die stete
Bewegung fassen könne, damit dasjenige, was bewegt wird, von seinem
dichten Wesen nicht beängstigt werde und die Bewegung aufhöre.
Asclepius
Gewiß ist es etwas sehr Großes, Tris-Megiste; aber von welcher Natur?
Hermes
Von einer widerwärtigen Natur, o Asclepi! Aber ist die
widerwärtige Natur des Leibes unleiblich?
Asclepius
Das gesteht man
zu.
Hermes
Daher ist der Platz unleiblich: Was demnach unleiblich ist, das ist entweder was
Göttliches oder GOTT.
Doch meine ich mit dem Göttlichen nicht etwas, das geboren sei, sondern das ungeboren ist, ist solches denn was Göttliches, so ist es ein Wesen, aber ist es GOTT selber, so ist es über dem Wesen, sonst ist es auch begreiflich oder verständlich.
Denn GOTT ist das erste, das verständlich ist, nicht vor sich selbst, sondern vor uns, denn das verständlich ist, das wird dem, der es versteht, durch den Sinn beigebracht.
Darum ist GOTT durch sich selbst nicht verständlich, weil er nicht unterschieden ist von dem, das verstanden wird, aber in Ansehung unser ist er unterschieden, darum wird er von uns verstanden.
Wenn demnach der Platz verständlich ist, so ist solcher nicht GOTT, sondern ein Platz, ist er aber GOTT, so ist es nicht wie ein Platz, sondern als eine befassende Kraft.
Daher alles, was bewegt wird, solches wird nicht bewegt in etwas, das selbst bewegt wird, sondern in etwas, welches fest steht, und das da bewegt, das steht fest, denn es ist unmöglich, daß es mitbewegt wird.
Asclepius
Wie werden denn die Dinge, die hier sind, lieber Tris-Megiste,
mit denjenigen, die bewegt werden, zugleich mitbewegt? Denn du
hast gesagt, daß die Wandel-Sterne oder Planeten bewegt werden
von einem Kreise, der nicht wandelbar ist.
Hermes
Lieber Asclepi, dasselbe ist keine Mitbewegung, sondern eine
Gegenbewegung, denn sie werden nicht auf eine gleiche, sondern auf
ungleiche Weise gegeneinander bewegt. Es hat aber diese
Gegendrehung einen feststehenden Widerstand der Bewegung. Denn
das Widerstehen ist die Festigkeit des Umdrehens.
Nachdem nun die Wandel-Sterne auf eine dem unwandelbaren Kreise ganz entgegene Weise bewegt werden, so gibt dasselbe untereinander einen solchen Widerstand, der in sich selbst standfest ist, und kann anders nicht sein.
Denn diese (Nordstern), welche du weder unter- noch aufgehen siehst und die allezeit rundum dasselbe gewendet werden, meinst du, daß dieselben bewegt werden oder daß sie stille stehen?
Asclepius
Sie werden bewegt, Tris-Megiste.
Hermes
Durch was für eine Bewegung Asclepi?
Asclepius
Durch die, durch welche sie sich allezeit in sich selbst umdrehen.
Hermes
Diese stete Umdrehung nun wird begriffen von demjenigen, das fest
steht: Weil dasjenige, welches rundum geht, von demjenigen, welches
über ihm und standfest ist, beschlossen und also umgetrieben wird. Und
also steht die entgegenstrebende Umführung fest, allezelt befestigt um
den Gegensatz.
Ich will davon ein irdisch Beispiel, welches den Augen offenbar ist, von den irdischen Geschöpfen beibringen; vornehmlich von dem Menschen, gib acht auf denselben, wenn er schwimmt, denn wenn das Wasser fortläuft, so macht das Gegenstehen der Füße und Hände des Menschen einen Stand, daß er nicht zugleich mit dem Wasser werde weggeführt oder untersinke.
Asclepius
Dies Beispiel, das du uns hast gegeben, Tris-Megiste, ist ganz klar.
Hermes
So wird nun eine jede Bewegung in jedem Stillstand und von dem
Stillstand bewegt, darum geschieht die Bewegung der Welt und eines
jeden materialischen Tieres nicht von den Dingen, die außerhalb der
Welt sind, sondern von denen, die inwendig sind und in das Auswendige
wirken, nämlich von der Seele oder von dem Geist oder von einem
andern
unleiblichen Ding.
Ein Leib kann nicht bewegen, was beseelt ist, ja es kann auch ein Leib nicht bewegen, was unbeseelt ist.
Asclepius
Wie sprichst du so, Tris-Megiste? Sind das keine Leiber,
welche bewegen Holz, Steine und alle andern unbeseelten
Dinge?
Hermes
Auf keinerlei Weise, Asclepi. Denn dasjenige, was im Leibe ist und das
Unbeseelte bewegt, ist kein Leib, welcher beides, den Leib, er sei
dessen, der da trägt, oder auch den Leib, der getragen wird, bewegt,
deshalb vermag dasjenige, welches seelenlos ist, etwas anders, welches
auch seelenlos ist, nicht zu bewegen, sondern dasjenige, welches
bewegen tut, dasselbe ist beseelt, indem es bewegt; so siehst du, daß die
Seele, wenn sie zwei Leiber trägt, beschwert wird; daher ist es nun klar,
daß die Dinge, die bewegt werden, in etwas und von etwas bewegt
werden.
Asclepius
So müssen deshalb, Tris-Megiste, die Dinge, die bewegt werden, in
etwas, daß da ledig ist, bewegt werden?
Hermes
Sage nicht so, o Asclepi, denn es ist nichts unter den wesentlichen
Dingen ledig, alleine das, welches gar nicht ist und der Wesenheit
gebricht, solches ist ledig; aber alles, was da ist, das könnte gar nicht
sein, im Fall es von der Wesenheit nicht ganz voll wäre, denn dasjenige,
was Wesenheit hat, kann unmöglich ledig werden.
Asclepius
Sind denn nicht etliche Dinge ledig, Tris-Megiste? Als eine ledige
Tonne, ein ledig Faß, ein lediger Brunnen, eine ledige Presse und andere
dergleichen mehr?
Hermes
O wie weit irrst du, Asclepi, das, was allermeist voll und
überall gefüllt ist, meinst du wohl, daß dasselbe ledig sei?
Asclepius
Wieso, Tris-Megiste?
Hermes
Ist die Luft nicht ein Leib, und geht dieser Leib nicht durch alle Dinge,
und füllt dieselbe nicht alle an mit seinem Durchdringen, ist dieser Leib
nicht aus den vieren vermischt? Deshalb sind alle Dinge, die du sagst,
ledig zu sein, überall voll von der Luft: Man muß aber solche, die du
vorgibst, ledig zu sein, voll und nicht ledig nennen, denn sie haben
Wesenheit und sind voll von Luft und Geist.
Asclepius
Dieser Rede, Tris-Megiste, kann man nicht gegensprechen:
Wie müssen wir denn den Platz nennen, in welchem diese alle
zusammen bewegt werden?
Hermes
Unleiblich,
Asclepi!
Asclepius
Was ist denn
unleiblich?
Hermes
Das Gemüt und die Vernunft, welches ganz und gar sich selbst begreift,
ist frei von aller Leiblichkeit, frei von Irrung, unsichtbar von den
Zuneigungen (Passionen) des Leibes, selbst in sich selbst bestehend:
Alles umfassend und alles unterhaltend, von welchem gleichsam als
Strahlen sind das Gute, die Wahrheit, das ursprüngliche Licht, der
Ursprung der Seelen.
Asclepius
Was ist denn GOTT!
Hermes
Keines von diesen Dingen, doch gleich wohl die Ursache, daß dieselben
und alles und jedes wesentlich sei; denn er hat nichts übriggelassen, das
da nicht wesentlich wäre.
Alle Dinge entstehen demnach aus wesentlichen Dingen und aus nicht wesentlichen Dingen nichts; denn nicht wesentliche Dinge haben nicht die Natur, daß sie können sein, und wiederum haben die wesentlichen Dinge die Natur nicht, daß sie nimmer sollten sein.
Asclepius
Was sagst du denn endlich, was GOTT sei?
Hermes
GOTT ist das Gemüt nicht, sondern die Ursache, daß das
Gemüt ist: noch ein Geist, sondern die Ursache, daß der Geist ist; noch
ein Licht, sondern die Ursache, daß das Licht ist.
Deshalb müssen wir GOTT allein mit diesen zwei Namen ehren, welche ihm eigen sind, und niemand anders:
Denn niemand von den andern, die man Götter (Planeten) nennt, auch niemand von den Menschen, noch jemand von den Dämonen (ist ein von dem Leibe abgesonderter Geist) können auf eine Weise gut sein als nur GOTT allein; und so ist es auch und nicht anders.
Alle anderen Dinge sind von der Natur des Guten unterschieden, denn der Leib und die Seele haben keinen Platz, der das Gute könnte fassen.
Denn die Größe des Guten ist so groß als die Größe der Wesentlichkeit aller Dinge, es sei leiblich oder unleiblich, es sei empfindlich oder verständlich.
Dasselbe Gut ist nun GOTT, deswegen siehe zu, daß du nichts anderes gut nennst, sonst tust du ungöttlich, auch daß du nichts anderes GOTT nennst, denn allein das Gute, sonst vergreifst du dich wieder gegen GOTT.
Das Gute wird wohl von einem jeden mit Worten genannt, es wird aber von einem jeden nicht verstanden, was es sei; sondern aus Unkenntnis nennen sie die (Planeten) Götter und etliche Menschen gut, welche doch niemals gut sind noch werden können.
Alle anderen Götter, die unsterblich sind, werden wohl mit dem Namen GOTT verehrt, GOTT aber ist das Gute nicht durch Verehrung, sondern durch Natur. Denn das Gute ist die einzige Natur GOTTes, und beide sind von einem Geschlecht, daraus alle Geschlechter entstanden sind.
Denn der alles gibt und nichts nimmt, der ist gut, GOTT aber gibt alles und nimmt nichts, darum ist GOTT das Gute und das Gute ist GOTT.
Der andere Name ist Vater, weil er ein Gebärer ist aller Dinge, denn die Eigenschaft der Väter ist gebären.
Darum lassen sich die Weisen in diesem Leben mit der allergrößten und allerseeligsten Sorgfalt das Kinder-Zeugen angelegen sein.
Und das größte Unheil und Ungöttlichkeit ist, wenn jemand von den Menschen kinderlos stirbt, und ein solcher wird nach dem Tode von den Geistern gestraft.
Die Strafe demnach ist diese: Die Seele dessen, der kinderlos ist, wird in einen Leib verurteilt, welcher weder Mannes noch Weibes Natur hat und welcher unter der Sonne verflucht ist.
Darum, Asclepi, mußt du keinen Kinderlosen glücklich achten: sondern im Gegenteil, dich über sein Unglück erbarmen, weil du weißt, was für Strafe er zu erwarten hat.
Soviel und solches, Asclepi, sei dir gesagt zu einer vorhergehenden Erkenntnis von der Natur aller Dinge.